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DAS EHRENMITGLIED
Schlagabtausch Michael Preiswerk/Rulf Neigenfind [28.01.2004]

Michael P. : Lieber Herr Neigenfind, ganz herzlichen Dank für Ihre Unterhaltung in den letzten Wochen. Da nun allerdings die Argumente anfangen unsachlich zu werden und sich für viele ein Ermüdungsfaktor*) in Ihre Inszenierung einschleicht, will ich die Diskussion abkürzen und Ihrer quälenden Bitte nachkommen Ihre Anschuldigungen zu widerlegen:

Rulf N. : Lieber Michael P., die Tatsache, dass Sie als Vorstandsmitglied sich dazu aufgerafft haben, sich endlich mit der Sache auseinander zu setzen, ist meinen Dank wert. Und dass Sie die Meriten des Ehrenmitglieds so vehement verteidigen, sogar meinen Respekt. Allerdings haben Sie weder die Autorität, die Diskussion abzukürzen, noch liefern Sie die Argumente, mit denen die Anschuldigungen zu widerlegen wären. Hier ein paar Anmerkungen:

Die Legende «SchreIBMaschinen»:

Michael P. : Unter den damaligen Entscheidern bei IBM waren auch einige erfahrene Hasen aus dem Vertrieb dabei und keiner hat aufgeschrien, keiner hat auf die zitierten Verkaufshandbücher oder Stankowsky Plakate gezeigt und Schirner als Ideen-Recycler nach Hause geschickt. Denn diese Idee war auch für die IBM neu. Woher ich das weiß? Ich war dabei. Für mich ein klarer Punkt für Schirner.

Rulf N. : Woher weiss ich wohl von den Verkaufshandbüchern und dem Stankowski-Plakat? Von den damaligen «Entscheidern» bei IBM, denen schon damals das egomane Getöse des heutigen Ehrenmitglieds tüchtig auf die Hypophyse ging. Ich stelle übrigens fest, dass Sie das vom Ehrenmitglied so blumig beschriebene Meeting, in dem diese Idee «geboren» wurde, nicht bezeugen. Damit hätten Sie doch viel besser punkten können.

Die Legende «Jägermeister»:

Michael P. : Unbestritten. Jedermann weiß, dass die Jägermeister Kampagne von W.D. Rogosky stammt. Und auch schon existierte, bevor Schirner zur GGK kam. Als dann WDR GGK verließ, und Schirner alleiniger GF wurde, war es doch das normalste der Welt, dass er als GF für die Fortsetzung einer laufenden Kampagne verantwortlich wurde. Und mehr war da nicht. Nur, dafür ist er auch nicht gewählt worden. Fred Baader hat diese Kampagne in seiner excellenten Rede bei der JHV nie im Zusammenhang mit Schirners Meriten erwähnt.

Rulf N. : Hier lautet der Vorwurf ja nur, dass das Ehrenmitglied viel— zu viel— getan hat, um als Erfinder dieser Kampagne dazustehen. Das war und ist unfair gegenüber denjenigen, die sie wirklich erfunden haben. Und für ein Ehrenmitglied ein klarer Minuspunkt.

Die Legende «Plakat Renaissance»:

Michael P. : Ihre zitierten Plakate von Lürzer und Conrad waren ohne Zweifel große Klasse. Schirner jedoch hat mit der von ihm und Feico entwickelten Pfanni Kampagne nicht nur ADC Medaillien gewonnen (offensichtlich waren es damals schon keine Plagiate), sondern hat zur selben Zeit auch für ein damals nicht oder nur wenig beachtetes Medium 18/1 in einigen Artikelchen in der Fachpresse ein überzeugendes Plädoyer geschrieben. Media-Leute, erfreute Plakat-Pächter aber auch die Industrie fingen daraufhin an, über eine Renaissance des Plakates zu sprechen. Und daran kann beim besten Willen nichts verwehrfliches sein. Also: noch ein Punkt für Schirner.

Rulf N. : Hier verlasse ich mich ganz auf das, was damals die heutigen ADC-Ehrenmitglieder Walter Lürzer und Michael Conrad in aller Branchenöffentlichkeit festgestellt haben: «Nicht GGK, sondern wir haben das Plakat als Medium für kreative Werbung wiederentdeckt.» Vielleicht haben sie ja gelogen, man kann nie wissen. Ihre Schlussfolgerung, die gewonnenen ADC-Medaillen seien ein Beweis dafür, dass die «Pfanni»-Plakate keine Plagiate waren, ist niedlich (abgesehen davon, dass die Medaillen für «Pfanni» [die Kampagne wurde übrigens ohne Zutun des Ehrenmitglieds von Feico und Bertel entwickelt] verdient waren und ich sie nie und nirgends als Plagiat bezeichnet habe).

Die Legende «erfolgreicher GGK Geschäftsführer»:

Michael P. : Schirner ist nicht wegen seinen Erfolgen als GF von GGK gewählt worden. Auch Sie, lieber Herr N. , sind im ADC einzig Ihrer kreativen Leistung wegen und nicht deshalb, weil Sie damals die GGK Stuttgart als GF an die Wand gefahren haben. Ein klarer Punkt für Schirner.

Rulf N. : Hier geht es mir darum aufzuzeigen, wie die zehnjährige «kreative» Lei(s)tung des Ehrenmitglieds mit dazu beigetragen hat, eine einst glänzende Werbeagentur, die lange vor seiner Zeit schon im Zenit ihres kreativen Ruhms stand, ins Nichts zu befördern. Kreativität lohnte sich für GGK nicht, jedenfalls nicht die, die das Ehrenmitglied jahrelang betrieb.

Die Legende «Werbung ist Kunst»:

Michael P. : Hier war Provokation die Idee. «Werbung ist Kunst» -- für ihn immer ein Zitat -- war ein vortreffliches Sprungbrett für seine bizarren Thesen. Er wollte die damalige Werbe- und Kundenszene provozieren. Nicht mit dem Satz, sondern mit dem daraus abgeleiteten Inhalt. Was ihm ja auch mit der (offensichtlich bis heute anhaltenden) kontrovers geführten Diskussion gelungen ist. Die Titelgestaltung im Warhol Stil wurde von Schirner bewusst gewählt, da -- wie wir alle wissen -- viele Werke von Warhol auch abgewandelte Zitate aus der Werbung sind. Also noch ein Punkt für Schirner. Oder hatte er etwa Warhol kopiert?

Rulf N. : Ein «Zitat» war das also. Ich bin dankbar, dass ich als Zeitzeuge dieser «Provokation» das heute endlich erfahren darf. Wahrscheinlich ist mir die Feinheit angesichts der strammen Ernsthaftigkeit des damaligen Vortrags entgangen (und mit mir den vielen Kunden, die sich verschreckt abgewandt haben). Ich frage mich auch, wie diese Verharmlosung mit folgendem zusammenpasst: «Da es mir ernst war mit der Gleichsetzung von Werbung und Kunst, musste ich noch den letzten Schritt tun und die bildende Kunst ganz nebenbei mit zu meiner Domäne erklären.» (Aus M. Schirner, «Werbung ist Kunst», München 1988)

Schlussbemerkung:

Michael P. : So, dann sind dann noch die vielen weiteren Kampagnen und Provokationen die für Schirners Wahl gepunktet haben. Aber die kennen wir ja alle. Und deshalb haben wir Michael Schirner zum Ehrenmitglied gewählt. Und das ist auch gut so.

Rulf N. : Um es nochmal zu sagen: Jemand, der so leger mit der Urheberschaft der Ideen anderer Leute umging, dass ihm ein Gericht verbieten musste, den «Eindruck zu erwecken oder erwecken zu lassen», er habe an einer prämierten Arbeit «in irgendeiner Weise kreativ, schöpferisch mitgearbeitet», ist als Ehrenmitglied eines Kreativenvereins ein für alle mal disqualifiziert— das stellt sogar das nationale Debakel der Berliner Olympia-Werbung in den Schatten. Über das alles Bescheid gewusst und den schon zweimal durchgefallenen Kandidaten dennoch gewählt zu haben, ist beinah ebenso schlimm.
Schliesslich noch eines: Der Eindruck, dass ich mit meiner Kritik am Ehrenmitglied gleichzeitig auch die Kampagnen der GGK niedermache, ist falsch. Dass damals so Ausserordentliches geleistet wurde, ist in erster Linie Paul Gredinger und dann auch einer Frau- und Mannschaft von so exzellenten Leuten wie Ihnen zu verdanken. Jede Auszeichnung war eine verdiente Auszeichnung, jede Medaille eine verdiente Medaille. Ich finde es nur unerträglich, dass einer es nicht lassen kann, das alles für sich zu reklamieren. Aber selbstverständlich darf man die Dinge auch so sehen, wie Sie sie sehen. Es ist eben alles relativ (und, nebenbei, auch kreativ).

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*) Apropos "Ermüdungsfaktor": In den ersten 14 Tagen 2581 Besucher (143 pro Tag), in den letzten 6 Tagen 1514 Besucher (252 pro Tag, gestern allein 305).