DAS EHRENMITGLIED
ADC: Quantität lohnt sich [29.03.04 10:30 | ZURÜCK]

Allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz geht es auch beim ADC-Wettbewerb nicht nur um Qualität, sondern auch um Quantität. Denn wie sich Jahr um Jahr immer wieder zeigt, werden diejenigen, die viel einsenden, auch oft ausgezeichnet. Das machen sich ein paar Agenturen mit der Strategie des Flächenbombardements zunutze: Einsenden auf Teufel komm' raus.

Zum Beispiel schickte der diesjährige Medaillenchampion Jung von Matt sage und schreibe 339 Stücke ein, fast 10 Prozent aller Einsendungen! Dass da weitaus mehr Auszeichnungen hängen bleiben mussten als bei bescheideneren Einsendern ist eine mathematische Zwangsläufigkeit.

Das Argument, dass viel produziert worden sein muss, um viel einsenden zu können, ist ein quantitatives, kein qualitatives. Denn, wie wir am Fall Jung von Matt noch sehen werden, mehr als vier Fünftel der eingesandten JvM-Ware fanden die Juries offenbar nicht gut genug, um sie auszuzeichnen. Die zahlreichen durchgefallenen Einsendungen hatten jedoch durchaus eine wichtige Funktion: sie sollten die Chancen auf Medaillen erhöhen. Eine rein quantitative Funktion also.

Wie verschoben diese Mengen-Praxis des ADC-Wettbewerbs ist, zeigt ein Blick auf folgende Fakten:
• Eingeschickt wurden 3665 Stücke von 557 Einsendern, wobei die Flächenbombardierer wie immer die Werbeagenturen waren.
• Von den 24 Flächenbombardierern mit mehr als 20 Stücken im Wettbewerb nahmen fast alle, nämlich 20, Auszeichnungen mit nach Hause.
• Die 20 ausgezeichneten Flächenbombardierer haben ebenso viele Einsendungen eingeschickt wie die restlichen 537 Einsender zusammen (insgesamt 1838 von 3665 Stücken).
• Die 20 Flächenbombardierer dominierten mit drei Fünftel aller Auszeichnungen und fast zwei Drittel der Medaillen den Wettbewerb.
• Das hamburgisch-berlinische Kartell der "Big Four" (Jung von Matt, Springer & Jacoby, Scholz & Friends und KNSK) schickte zusammen ein Viertel sämtlicher Einsendungen (907) ein.
• Sie holten damit 140 Auszeichnungen, darunter 53 Medaillen -- jeweils ein Drittel der diesjährigen Ausbeute.


Anzahl der Einsendungen
1   Jung von Matt   339  
2   Scholz & Friends   262  
3   Springer & Jacoby    215  
4   Ogilvy & Mather   114  
5   KNSK   91  
6   TBWA   82  
7   DDB Group    78  
8   Kolle Rebbe   77  
9   Publicis   75  
10   Aimaq Rapp Stolle   74  
11   Saatchi & Saatchi    69  
12   Philipp und Keuntje    64  
13   .start    59  
14   Grabarz & Partner   48  
15   Heye & Partner   48  
16   Leagas Delaney    36  
17   weigertpirouzwolf   33  
18   Heimat   31  
19   BBDO    23  
20   M.E.C.H.    20  


Anzahl der Auszeichnungen
1   Jung von Matt   64  
2   Springer & Jacoby    35  
3   Scholz & Friends   25  
4   TBWA   16  
5   KNSK   16  
6   Ogilvy & Mather   14  
7   Kolle Rebbe    13  
8   Grabarz & Partner   11  
9   DDB Group    11  
10   Heimat   8  
11   Saatchi & Saatchi   7  
12   Heye & Partner   5  
13   .start  5  
14   weigertpirouzwolf   4  
15   Philipp und Keuntje   4  
16   Aimaq Rapp Stolle   4  
17   BBDO   2  
18   Leagas Delaney   2  
19   Publicis   2  
19   M.E.C.H.   1  

Für das Kartell haben sich die paar Hunderttausend Euro Einsendegebühren also wieder einmal gelohnt. Trotz der Tatsache, dass jede Auszeichnung Jung von Matt über den Daumen gepeilt rund 1000 Euro, Scholz & Friends jedoch mehr als 2000 Euro gekostet hat (für jede Medaille hat JvM 2500 Euro, Springer & Jacoby 3000 Euro und Scholz & Friends sogar 5800 Euro ausgelegt).

Die Kehrseite des Medaillen-Regens
Stellen wir uns nun eine der Fragen, für die man leicht aus dem ADC ausgeschlossen werden könnte: Wie erfolgreich waren denn die 20 Flächenbombardierer, wenn man nicht nur die Zahl der Auszeichnungen, sondern auch die Zahl der Einsendungen berücksichtigt? Die tatsächliche Erfolgsquote also.

Die Erfolgsquote [Einsendungen/Auszeichnungen]
1  Heimat    25,81%  
2   Grabarz & Partner   22,92%  
3   TBWA   19,51%  
4   Jung von Matt   18,88%  
5   KNSK   17,58%  
6   Kolle Rebbe   16,88%  
7   Springer & Jacoby    16,28%  
8   DDB Group    14,10%  
9   Ogilvy & Mather   12,28%  
10   weigertpirouzwolf   12,12%  
11   Heye & Partner   10,42%  
12   Saatchi & Saatchi    10,14%  
13   Scholz & Friends   9,54%  
14   BBDO    8,70%  
15   .start   8,47%  
16   Philipp und Keuntje   6,25%  
17   Leagas Delaney    5,56%  
18   Aimaq Rapp Stolle   5,41%  
19   M.E.C.H.   5,00%  
20   Publicis   2,67%  

Da stellen wir fest, dass Jung von Matt nicht mehr ganz so glänzend dasteht. "Nur" knapp ein Fünftel aller JvM-Einsendungen wurden ausgezeichnet, womit die Agentur auf Rang 4 landet. Heimat, der Einsender mit der besten Erfolgsquote, schaffte es, dass mehr als ein Viertel seiner Einsendungen ausgezeichnet wurden. Auch Grabarz & Partner (knapp 23 Prozent) und TBWA (knapp 20 Prozent) waren erfolgreicher: Rang 2 und 3. KNSK und Springer & Jacoby folgen JvM auf den Plätzen 5 bzw. 7, während Scholz & Friends mit einer Erfolgsquote unter 10 Prozent nicht einmal die Top-10 schafft (Rang 13). (Kolle, Rebbe nimmt hier den 6. Rang ein, ist aber wegen Bisley der schlechte Witz des diesjährigen Wettbewerbs.)

Man sieht also, wie verzerrt die "offizielle" Rangliste doch ist, denn sie beschränkt sich ausschliesslich auf die Zahl der Auszeichnungen, ohne Rücksicht darauf, wieviele Versuche die Teilnehmer im Wettbewerb hatten. Und der ADC findet das gut so. Denn alles, was die Dinge qualitativ gerade rücken könnte, hat einen quantitativen Nachteil:

Wenn die Erfolgschancen nicht mehr durch die schiere Anzahl der Einsendungen beeinflussbar sind, müssten die Flächenbombardierer ihre Strategie schnell ändern und würden natürlich weniger (aber vielleicht ausgesuchtere Stücke) einsenden. Mit der Folge, dass die bei weitem bedeutendste Einnahmequelle des ADC—die Einsendegebühren machen zwei Drittel aller Einnahmen des Clubs aus—kompromittiert wäre.

Diese finanzielle Abhängigkeit des ADC von den Flächenbombardierern ist ein Problem für die den gesamten Wettbewerb. Denn dadurch wird er degradiert zu einem Match zwischen einer Handvoll Agenturen, bei dem die kreativen Leistungen aller anderen Sparten in den schattigen Hintergrund gedrückt werden. Als öffentlichkeitswirksames Ergebnis des ADC-Wettbewerbs wird nicht mehr der Überblick über den aktuellen Qualitätsstandard in allen kreativen Bereichen verbreitet, sondern eine banale Agenturen-Rangliste.

Bleibt zu hoffen, dass die Initiatoren der "Spirit Awards" es in dieser Beziehung besser machen werden.

Verfasst von Rulfer am 29.03.04 10:30