Heute veröffentlicht W&V unter der Überschrift «ADC will Neigenfind ausbremsen» einen Artikel mit dazugehörigem Kommentar, die beide relativ wohlwollende Geräusche zur Aktion machen. Mit der unerwartet müpfigen Tendenz dürfen die Leidtragenden der Branchenpresse jedenfalls zufrieden sein. Dennoch gibt es ein paar Schieflagen, die gerade gerückt werden wollen.
w&v: Der Zoff zwischen dem Art Directors Club und dem ADC-Kreativen Rulf Neigenfind geht in die Endrunde. Dabei fordert Neigenfind die Abwahl des im September gekürten Ehrenmitglieds Michael Schirner. Sein Vorwurf an den ADC: Schirner werde der Ehre nicht gerecht, viele ihm zugesprochene Leistungen seien nicht von ihm.
Ich bin natürlich kein «ADC-Kreativer», sondern nur ein einfaches Mitglied. Meinem Verein werfe ich vor, dass er sich ein Ehrenmitglied erwählt hat, dessen «Lebensleistung» wegen branchenschädigender Skandale wie dem Berlin-Debakel und kollegenschädigender, vor Gericht festgestellter Urheberrechtsverletzungen ein für alle mal disqualifiziert ist—nicht nur als Ehrenmitglied, sondern als Mitglied schlechthin. Ich beklage, dass die Mitglieder nun verdammt sind, sich mit einer solchen Person zu identifizeren bzw. mit ihr identfiziert zu werden. Und ich verdächtige die Vereinsführung, dass sie bei dieser Wahl auf skrupellose Weise die Ahnungslosigkeit vieler Mitglieder ausgenützt hat.
w&v: Auf einer eigens von Neigenfind kreierten Website tobt eine heftige Diskussion (http://rulf.neigenfind.com). Noch bis zum 13. Februar hat der vielfach ausgezeichnete Kreative Zeit, 42 schriftliche Anträge für die Abwahl des Ehrenmitglieds auf dem Mitgliedertreffen am 19. März zu sammeln.
Inzwischen geht es in dem Antrag nicht mehr um die Abwahl, sondern um eine Aussetzung der Ehrenmitgliedschaft, bis die Vorwürfe, die hier erhoben werden, in einem vereinsöffentlichen Verfahren geklärt sind. Nuance!
Das «Mitgliedertreffen am 19. März» ist nur insofern relevant, als dort die offizielle Weihefeier stattfinden wird, bei der die «Lebensleistung» des Ehrenmitglieds—natürlich abzüglich des Berlin-Debakels, der gerichtsnotorischen Urheberrechtsvergehen und der sonstigen Geschmacksverfehlungen—vom Ersatz-Laudator Fred Baader salbadert wird. Nichts spricht dagegen, die Aktion so lange fortzuführen, bis die ausserordentliche Mitgliederversammlung nicht bloss von 42 Mitgliedern, sondern sogar von deren 6 verlangt wird—nämlich von den 6 Vorstandsmitgliedern, die Vernunft für eine Option halten.
w&v: Jetzt macht der ADC dem Kreativen einen Strich durch die Rechnung: Die Anträge dürfen nicht per Fax oder Mail eingereicht werden. «Wir brauchen die Original-Unterschrift», erklärt die ADC-Geschäftsführung. Neigenfind hält das für ein Bremsmanöver: «Weder mit der ADC-Satzung noch mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch lässt sich diese Anforderung begründen.»
Der ADC hält dagegen: «Wir haben uns bei unserem Hausjuristen informiert, der empfahl uns diese Vorgehensweise.» Ob Neigenfind die 42 Anträge rechtzeitig zusammen bekommt, ist offen.
Weder «Schriftform» noch «Originalunterschriften», ja nicht einmal die anscheinend stuhlförmigen Faxe oder offenbar gasförmigen E-mails wären nötig, wenn der Vorstand mit einfacher Mehrheit die ausserordentliche Mitgliederversammlung einberufen würde. Interessanterweise kann in diesem Verein praktisch alles mit einfacher Mehrheit der Aufgekreuzten beschlossen werden. Wenn drei kommen, haben zwei die Mehrheit. Sogar die Satzung können die beiden Schlingel ändern. Die einzige Initiative, die vom einzelnen Mitglied ergriffen werden kann, ist bewehrt mit der hohen Hürde von 10 Prozent einer Mitgliedschaft, die sich zudem zu 80 Prozent einen feuchten Dreck um die Kehrseite der Medaillen schert—den Verein nämlich.
w&v: Selbst die ADC-Vorstände Sebastian Turner und Hans-Joachim Berndt sind in die teils hitzige, auf alle Fälle aber spannende Online-Diskussion eingestiegen, die sich längst nicht mehr auf das umstrittene Ehrenmitglied beschränkt, sondern inzwischen auf den ADC als Ganzes abzielt.
Ob man das einen «Einstieg» nennen kann, was die beiden Vorstandsmitglieder da auf dem Schwarzen Brett abgeliefert haben, ich weiss nicht... Jedenfalls haben weder sie noch irgendwelche anderen Vorstandsmitglieder sich auf eine sachliche Debatte eingelassen. Mit Ausnahme von Michael Preiswerk, dessen Erwiderung sich auf einen kleinen Teil der Vorwürfe bezog, wichtige Punkte wie Berlin oder Gerichtsurteile jedoch gar nicht ansprach.
w&v: Ehrenmitglied Schirner schweigt zu den Vorwürfen: «Ich habe die Wahl angenommen. Dass ich mich in dieser Diskussion zu Wort melde, ist nicht erforderlich.»
Wie sagte doch mein südnepalesischer Lachmuskeltherapeut neulich so trefflich: «Kunnu! Soi! Thiam! Buraah! Hehe!» (Wer schweigt, stimmt zu).
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W&V-Kommentar:
Joachim Scholz über das Duell Rulf Neigenfind vs. ADC
Rulf Neigenfinds Antipathie gegen das neue ADC-Ehrenmitglied Michael Schirner und die Vehemenz, mit der er dessen Abwahl anstrebt, sind beachtlich. Die Anti-Schirner-Website des prämierten Kreativen hat innerhalb weniger Tage mehr Besucher gefunden als die ADC-Site in vielen Monaten.
Der angegriffene Verband versteift sich indes darauf, dass Schirner ordnunsggemäss gewählt wurde. Darüber hinaus gäbe es zu diesem Thema nichts zu sagen.
Das ist Krisen-PR, vor der uns die Altgedienten der Branche immer gewarnt haben. Die satzungskonforme Wahl zweifelt keiner an, auch Neigenfind nicht. Die lebhafte Diskussion auf seiner Site hat inzwischen jedoch eine viel grundsätzlichere Dimension erreicht. Das scheint dem ADC entgangen zu sein. Der ganze Verband wird in Frage gestellt. Mauscheleien und Absprachen beim Kreativwettbewerb und die Rolle des Vorstands stehen auf der Agenda.
Auch wenn nicht alle ADC-Mitglieder Stellung beziehen und manche Online-Diskutanten gar nicht im Club der Kreativen sind—der Verband sollte Stellung beziehen und die Diskussion auch als Chance betrachten. Es reicht nicht, Teilnehmern, die sich im Ton vergriffen haben, mit rechtlichen Schritten zu drohen, wie es ADC-Vorstand Hans-Joachim Berndt machte.
Einfach nur zu warten, dass sich der Surm von selbst legt, ist der falsche Weg. Neben den Branchenmagazinen haben auch «Spiegel» und «Handelsblatt» das Thema aufgegriffen. Reagiert der ADC nicht aktiv, wird er Schaden nehmen.