DAS EHRENMITGLIED
Genüssliches Pressefest [09.02.04 00:56 | ZURÜCK]

Nun hat sich also auch der SPIEGEL mit dieser Website befasst. Am 9. Januar auf dem Internet, am 9. Februar im SPIEGEL—und dazwischen 4 Wochen, in denen der Vereinsvorstand eine Gelegenheit nach der anderen verpasst hat, es gar nicht so weit kommen zu lassen.

Hätten die Herren und die Dame in der Funktionärsetage nur ein wenig Fantasie entwickelt (eine Fähigkeit, die man bei «Kreativen» ja gerne voraussetzt), dann hätten sie erkennen müssen, dass es hier um mehr geht als um ein mehr als fragwürdiges Ehrenmitglied.

Sie hätten die aufkommende und sich ständig dynamisierende Diskussion über das Selbstverständnis des ADC unter Kontrolle bringen können, in dem sie sich an die Spitze der Bewegung gestellt hätten. Stattdessen haben sie sich wie der Lehrerrat einer Mittelschule verhalten und die Kohl-Strategie des Aussitzens gewählt. Mit dem Erfolg, dass der Eklat nun in der Presse genüsslich abgefeiert wird. Eine solche "staatstragende" ("Handelsblatt") Sturheit ist schon erstaunlich.

Im SPIEGEL bezeichnet das Ehrenmitglied selbst die Vorwürfe auf dieser Website als «absurd und falsch». Stellt sich die Frage, wo genau denn nun die Absurditäten und Fälschungen zu finden sind. Denn in den letzten vier Wochen gab es jedenfalls (überraschend) wenig Widersprüche und noch weniger Gegenbeweise. Aber da Päpste es so an sich haben, den gesunden Menschenverstand ab und zu mit einem unsinnigen Dogma herauszufordern, muss man die Einlassungen des Ehrenmitglieds eben als das nehmen, was sie sind, «absurd» und «falsch», aber eben «päpstlich».

Dass das Ehrenmitglied die Auszeichnung trotz des Zoffs in unserem «Renommierverein» annehmen will, überrascht kaum jemanden, der dessen historische Unfähigkeit zur Verschämtheit kennt. Ich kann das aber leider nicht so philosophisch nehmen wie mein Freund Franco Clivio, der mit Billy Wilder spricht, wenn er sagt: «Auszeichnungen sind wie Hämorrhoiden—jeder Arsch kriegt sie mal....». Ich denke, der ADC verdient Ehrenmitglieder, die eher Köpfe denn Hinterteile sind.

Von besonderer Leuchtkraft ist der folgende Satz des Vereinsvorsitzenden: «Hätten wir gewusst, dass Schirner noch heute so polarisiert, hätten wir ihn wahrscheinlich noch lieber gewählt.» Dieser Satz verrät, dass der Vereinsvorsitzende und seine Beisitzer a) über das Polarisierungspotenzial des Ehrenmitglieds keinen Schimmer hatten und, schlimmer noch, b) Polarisieren für eine Tugend halten, für die «wir» (der Vorstand? die Mitglieder? der ADC?) jemanden «noch lieber» wählen würden. Polarisieren aber bedeutet spalten, trennen, Gegensätze schaffen—exakt das, was ein kluger Vorstand möglichst vermeiden würde.

Meinen begleitenden Vorwurf, der ADC sei zu einem «Kartell weniger Agenturen und einem Selbstbedienungsladen verkommen», versucht unser Vereinsvorsitzender mit dem Hinweis auf den Erfolg der Kartellagenturen bei ausländischen Wettbewerben abzuwehren. Das ist aber ein starkes Argument! Als ob es bei den ausländischen Kreativwettbewerben um einen Deut weniger korrupt zuginge als beim einheimischen.

Nur die Duftnote der Korruption ist dort eine andere: Im Gegensatz zum einheimischen Wettbewerb, wo das Kartell sein Gewicht (oder auch Bedrohungspotenzial) als Auftraggeber, Arbeitgeber und Werbemittler einsetzt, geht es bei den ausländischen Wettbewerben um nichts weiter als um Geld—sprich: Einsendegebühren. Welcher Wettbewerb kann es sich leisten, die fetten Einsendegebühren der notorisch flächenbombardierenden Deutschen durch eine magere Medaillenausbeute zu gefährden? Ausserdem: bei den meist sprachunkundigen (auch was die englischen Nachsynchronisationen betrifft) Juries, die sich auf dem deutschen Markt ebenso gut auskennen wie die unsrigen auf dem finnischen, lassen sich leichter die kundenlosen Simulationskampagnen unterjubeln, die in den offenbar tatsächlich existierenden Spezialunits für Wettbewerbskreativität zusammenfantasiert werden.

Mehr dazu demnächst.

Hier nochmals der SPIEGEL-Artikel im Wortlaut:
WERBUNG: Kreative im Clinch
In der Werbeszene brodelt es weiter: Nach dem Streit zwischen den Agenturen Jung von Matt und BBDO um den Grosskunden Sixt gibt es jetzt Zoff im Renommierverein der Reklamezunft, dem Art Directors Club (ADC). Hintergrund ist eine Personalie: Michael Schirner, streitbarer «Werbepapst» und mittlerweile Professor für Grafikdesign, soll zum ADC-Ehrenmitglied gekürt werden"so hatte es eine Mitgliederversammlung im September beschlossen. Gegen dieses Votum wettert ADCler Rulf Neigenfind, selbst mehrfach ADC-prämiert, auf einer eigens eingerichteten Internet-Seite und in Mails an die Clubmitglieder. Schirner habe sich häufig mit fremden Federn geschmückt und sei deshalb «unwürdig», schimpft Neigenfind und holt auch gegen den Club aus: «Der ADC ist zu einem Kartell weniger Agenturen und einem Selbstbedienungsladen verkommen.» Schirner selbst bezeichnet die Vorwürfe als «absurd und falsch» und will die Auszeichnung annehmen. ADC-Vorstand Sebastian Turner wehrt sich gegen den Kartellvorwurf mit dem Hinweis, bei ausländischen Wettbewerben würden die kritisierten Agenturen ebenfalls regelmässig Kreativpreise gewinnen. Auch am Ehrenmitglied Schirner halte man fest: «Hätten wir gewusst, dass Schirner noch heute so polarisiert, hätten wir ihn wahrscheinlich noch lieber gewählt.»

Verfasst von Rulfer am 09.02.04 00:56