Das amerikanische Vorbild des ADC ist in seinem Selbstverständnis durchweg präziser und verbindlicher. Zitat: «The Art Directors Club, Founded in New York in 1920, is an international not-for-profit organization of leading creatives in advertising, graphic design, interactive media, broadcast design, typography, packaging, environmental design, photography, illustration, and related disciplines. The mission of the Art Directors Club is to promote the highest standards of excellence and integrity in visual communications, and to encourage students and young professionals entering the field. In short,´Visual Fuel.´»
Auch das Thema Ehrenmitgliedschaft wird mit überzeugender Ernsthaftigkeit behandelt: « The Art Directors Hall of Fame was etablished 1972 to recognize and honor the most outstanding innovators and conceptual thinkers in the visual communication field. A Hall of Fame laureate is one, whose lifetime work exemplifies the highest standards of creative achievement, with previous laureates including Richard Avedon, Leo Burnett, Walt Disney, Norman Rockwell, Andy Warhol, and many others. Laureates are chosen each spring by a selection commitee, then honored each fall at a Black Tie Gala.»
Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass «integrity» auf deutsch übersetzt «Makellosigkeit, Unbescholtenheit, Unbestechlichkeit» bedeutet.
Nun zum Thema Verhalten: Hier muss ich die ADC-Mitglieder in gewisser Weise kollektiv in Schutz nehmen. Auslandsdeutsche wie Sie, Herr Neigenfind, neigen dazu, ihr Geburtsland und seine Gesellschaft zu idealisieren—umso mehr, je länger sie weg sind. Wir Hiergebliebenen sind aber nicht so, wie wir aus dem geweiteten Blickwinkel eines Emigranten idealerweise sein sollten.
Wir sind eine gut durchgegorene Eiapopeia-Konsensgesellschaft, die allergisch und hysterisch reagiert, wenn ihr aus sicherer Entfernung moralische Vorhaltungen gemacht werden. Zumal dann, wenn sie berechtigt sind. Deshalb dürfen Sie sich nicht wundern, dass Sie reflexartig und wahlweise als Nestbeschmutzer, Denunziant, Neider, Versager oder alter Sack verunglimpft werden. Da äußert sich nicht etwa der Kreativpöbel im ADC, nein, das ist das gesunde Volksempfinden.
Wir Deutschen mögen nämlich keine Leute, die uns mit unbequemen Fragen foltern.
Wir Deutschen ahnen ja, das wir identitätsgestört sind und mangelndes Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen an den Tag legen. Aber hören wollen wir das nicht, auch nicht von einem Halbfranzosen und Viertelsbriten.
Und noch eins: Wir Deutschen sind inzwischen so geil auf Geiz, dass wir uns nicht einmal mehr an Diskussionen beteiligen. Aus Sorge, ein falsches Wort, zur falschen Zeit, am falschen Platz, könne was kosten.
Und ein letztes: Ihre Initiative mag den ADC irritieren, schaden kann sie ihm nicht. Schaden kann sich der ADC nur selbst. Durch Wegschauen. Durch Schweigen. Durch Abtauchen.
Mit freundlichen Grüßen
Bernd Kreutz