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DAS EHRENMITGLIED
ADC-Selbstverständnis

Lieber Rulf Neigenfind,

Ihrer Website habe ich eine außergewöhnliche Erfahrung zu verdanken. Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viele E-Mails von mir meist nur dem Namen nach bekannten Menschen erhalten, wie nach meinem Beitrag «Schirner-Verteidigung» in Ihrem Forum. Ausnahmslos alle haben mir für diesen Beitrag gedankt. Das wird teilweise auch Sie freuen, denn die E-Mails kamen fast allesamt von ADC-Mitgliedern, die sich in dieser Auseinandersetzung noch nicht zu Wort gemeldet haben.

Wie beabsichtigt, konnte ich mit meinen Argumenten für eine ADC-Ehrenmitgliedschaft von Michael Schirner alle Leser in ihren jeweiligen Vorurteilen bestätigen, die Befürworter gleichermaßen wie die Zweifler. Das Verblüffende an den Reaktionen ist allerdings, dass beide Lager gleich stark zu sein scheinen.

Ich schließe daraus zweierlei.

Erstens: Der ADC Deutschland hat kein einheitliches, seine Mitglieder in Werten und Grundüberzeugungen verbindendes Selbstverständnis.

Zweitens: Die meisten ADC-Mitglieder verhalten sich nicht wie herausragende Vertreter einer Berufsgruppe, sondern wie ganz gewöhnliche Mitläufer im Ortsverband einer x-beliebigen politischen Partei.

Für einen Interessensverbund, der auch außerhalb seiner eigenen engen Grenzen ernst genommen werden will, ist das eine so fatal wie das andere.

Woran liegt das? Auf seiner Website definiert der ADC seine «Mission» wie folgt: «Der Art Directors Club für Deutschland (ADC) ist ein Verein der Kommunikationsbranche mit Sitz in Berlin. Gegründet wurde der ADC—nach amerikanischem Vorbild—1964 in Düsseldorf. Zusammengeschlossen haben sich die besten Kreativen aus Wort, Bilde (Anm. d. Verf.: dieses Wort habe ich zuletzt in einer Verlautbarung des Reichspropagandaministeriums gelesen), Design, Editorial, Fotografie, Illustration, Funk, Film und interaktive Medien. Unser Ziel: die kreative Leistung in Deutschland zu verbessern und somit neue Maßstäbe zu setzen.» An anderer Stelle wird noch ergänzend hinzugefügt: «Ein weiteres Ziel ist die Förderung des Kreativfaktors in Deutschland.»

Zu den Voraussetzungen einer Ehrenmitgliedschaft und den Modalitäten einer Ernennung äußert sich der ADC merkwürdigerweise nicht. Lediglich aus einer Pressemeldung des Vostandes geht hervor, dass die Wahl «demokratisch» erfolgt sei. Und die ADC-Geschäftsführerin wird in werben & verkaufen mit den Worten zitiert: «Jeder wurde eingeladen. Wer sein demokratisches Recht nicht wahrnimmt, ist selbst schuld.» Dabei hat sie allerdings verschwiegen, dass auf der Einladung zur Jahreshauptversammlung unter dem Tagesordnungspunkt «Wahl eines Ehrenmitglieds» die für einen demokratischen Willensbildungsprozess selbstverständliche Namensnennung und Vorschlagsbegründung der zur Wahl stehenden Persönlichkeiten fehlte. Das mag zwar Vereinssatzungs-konform sein, aber mit einem Demokratieverständnis, wie es uns im Sozialkundeunterricht gelehrt wurde, hat das nichts zu tun. Abgesehen davon, dass es für jedes Ehrenmitglied eine Beleidigung ist, wenn es erfährt, welchen «demokratisch» genannten Zufälligkeiten es seine Wahl zu verdanken hat.



Das amerikanische Vorbild des ADC ist in seinem Selbstverständnis durchweg präziser und verbindlicher. Zitat: «The Art Directors Club, Founded in New York in 1920, is an international not-for-profit organization of leading creatives in advertising, graphic design, interactive media, broadcast design, typography, packaging, environmental design, photography, illustration, and related disciplines. The mission of the Art Directors Club is to promote the highest standards of excellence and integrity in visual communications, and to encourage students and young professionals entering the field. In short,´Visual Fuel.´»

Auch das Thema Ehrenmitgliedschaft wird mit überzeugender Ernsthaftigkeit behandelt: « The Art Directors Hall of Fame was etablished 1972 to recognize and honor the most outstanding innovators and conceptual thinkers in the visual communication field. A Hall of Fame laureate is one, whose lifetime work exemplifies the highest standards of creative achievement, with previous laureates including Richard Avedon, Leo Burnett, Walt Disney, Norman Rockwell, Andy Warhol, and many others. Laureates are chosen each spring by a selection commitee, then honored each fall at a Black Tie Gala.»

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass «integrity» auf deutsch übersetzt «Makellosigkeit, Unbescholtenheit, Unbestechlichkeit» bedeutet.

Nun zum Thema Verhalten: Hier muss ich die ADC-Mitglieder in gewisser Weise kollektiv in Schutz nehmen. Auslandsdeutsche wie Sie, Herr Neigenfind, neigen dazu, ihr Geburtsland und seine Gesellschaft zu idealisieren—umso mehr, je länger sie weg sind. Wir Hiergebliebenen sind aber nicht so, wie wir aus dem geweiteten Blickwinkel eines Emigranten idealerweise sein sollten.

Wir sind eine gut durchgegorene Eiapopeia-Konsensgesellschaft, die allergisch und hysterisch reagiert, wenn ihr aus sicherer Entfernung moralische Vorhaltungen gemacht werden. Zumal dann, wenn sie berechtigt sind. Deshalb dürfen Sie sich nicht wundern, dass Sie reflexartig und wahlweise als Nestbeschmutzer, Denunziant, Neider, Versager oder alter Sack verunglimpft werden. Da äußert sich nicht etwa der Kreativpöbel im ADC, nein, das ist das gesunde Volksempfinden.

Wir Deutschen mögen nämlich keine Leute, die uns mit unbequemen Fragen foltern.

Wir Deutschen ahnen ja, das wir identitätsgestört sind und mangelndes Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen an den Tag legen. Aber hören wollen wir das nicht, auch nicht von einem Halbfranzosen und Viertelsbriten.

Und noch eins: Wir Deutschen sind inzwischen so geil auf Geiz, dass wir uns nicht einmal mehr an Diskussionen beteiligen. Aus Sorge, ein falsches Wort, zur falschen Zeit, am falschen Platz, könne was kosten.

Und ein letztes: Ihre Initiative mag den ADC irritieren, schaden kann sie ihm nicht. Schaden kann sich der ADC nur selbst. Durch Wegschauen. Durch Schweigen. Durch Abtauchen.

Mit freundlichen Grüßen
Bernd Kreutz



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