Die Legende von der «unbefleckten Empfängnis»:
In sechs Tagen schuf der Herr das Universum. Nachdem er sich am siebten eine Ruhepause gegönnt hatte, knöpfte er sich am achten Tag seinen Werbepapst vor. Und sagte: «Höret, Eminenz, was gedenkt Ihr zur Schöpfung beizutragen? Wollet Ihr nicht eines Tages als Ehrenmitglied des Vereins der Kunstdirektoren in die Menschheitsgeschichte eingehen?»
Also schuf der Werbepapst die Dressler-Kampagne. Denn er wollte der Welt von Anfang an vor Augen führen, wie schön sie doch sei, wenn man ihn nur kreativ walten liesse. Die Seele der Kampagne bestand darin, dass Anzugträger fürs Foto hüpfen mussten. «Nicht, weil das lustig ist,» beschied das Ehrenmitglied einem kratzfüssigen Chronisten namens Durchleuchter, «sondern um den Slogan visuell darzustellen.»
Wie hiess nun dieser Slogan? «Konfektion gehüpft wie gesprungen»? «Gut gekleidet hopst sich's besser»? «Der eingesprungene Dressler»? Nein, er hiess «Ihr massgeschneidertes Stück Freiheit». Und nach Auskunft des Pförtners der Archäologischen Fakultät der Freien Universität Idar-Oberstein soll Freiheit in der Frühantike tatsächlich kurzfristig durch einen Hüpfer symbolisiert worden sein.
«Die Leute zeigten, dass sie die Freiheit haben, sich extrem zu bewegen,» bedeutete das Ehrenmitglied denjenigen, denen die Allegorie des Gehopses verschlossen geblieben war. Eine «ganz simple, kleine Minimalidee», wie der Meister dem o.g. kratzfüssigen Chronisten zur Sicherheit gleich dreifach tautologisiert in den vor Bewunderung feucht gewordenen Notizblock diktierte.
Doch so einfach ist es nicht mit der simplen, kleinen, minimalen Kreativität. «Solche Ideen fallen einem meistens nicht auf dem Klo ein,» verriet das Ehrenmitglied a.a.O. «Diese Ideen sind Ergebnisse eines harten Arbeitsprozesses, der weitgehend rational abläuft.» Die Dressler-Kampagne eröffnete der Weltkreativgemeinde einen ebenso faszinierenden wie lehrreichen Einblick in das Geheimnis dieses «rationalen» Arbeitsprozesses beim Ehrenmitglied.
Als erstes lernte man nämlich, dass mit «rational» eigentlich «rationell» gemeint war. Denn der Griff in das Bücherregal war und ist prinzipiell eine weitaus rationellere Arbeitsweise als der intellektuelle Aufwand, den der normale Prozess der Ideenfindung erfordert. Als nächstes lernte man, dass mit «kreativ» eigentlich «reproduktiv» gemeint war. Denn die kreative Dimension der Dressler-Kampagne bestand in ihrer vollkommenen Kongruenz mit dem «Jump Book» von Philippe Halsman. Dieser einstige LIFE-Fotograf, der als einer der «10 grössten Fotografen der Welt» mit Irving Penn, Richard Avedon, Alfred Eisenstaedt, Bert Stern in derselben Liga schoss, hatte die Idee...seine Modelle hüpfen zu lassen. Und was für Modelle: US-Präsidenten, britischer Hochadel, Leinwandstars und Kunstgrössen machten vor seiner Linse den Luftsprung.
![]() |
![]() |
|||
| VORBILD: PHILIPPE HALSMAN |
NACHAHMUNG: DAS EHRENMITGLIED |
Trotz der vom Ehrenmitglied uneidlich bezeugten «Begeisterung der Spitze des Hauses» für die Hopser-Kampagne wurde sie jedoch bald von einer neuen abgelöst. Um Gnade vor Spott walten zu lassen, wird hier jedoch darauf verzichtet, auf diese Kampagne näher einzugehen—obwohl sie es in Herbert Werlers Buch «Millionengrab Werbung» zu einer gewissen Prominenz gebracht hat: Sie wird hier als eines der Musterbeispiele für notorische Werbegeldvernichtung vorgeführt. [→ WEITER]
→ Die Legende «SchreIBMaschine»
→ Die Legende «Jägermeister»
→ Die Legende «Plakat-Renaissance»
→ Die Legende «Erfolgreicher GGK-Geschäftsführer»
→ Die Legende «Autor der These 'Werbung ist Kunst'»
→ Die Legende «Erster nackter Mann» ←NEU
→ Die Legende «Bilder im Kopf» ←NEU
→ Zurück
→ Zum Schlagabtausch Preiswerk/Neigenfind

