DAS EHRENMITGLIED
Die Legenden des Ehrenmitglieds 2003 und ihre Beziehung zur Wirklichkeit [VII].

Die Legende «Bilder im Kopf»:

«...im Geflimmere, Gewimmel und Gewusel der Neuen Medien wollte der "Stern" ein Zeichen setzen und die Kraft, die Magie und die Überlegenheit des gedruckten Mediums exemplarisch und für jedermann unübersehbar demonstrieren,» schrieb das Ehrenmitglied in seinem epochalen Werk «Werbung ist Kunst». «Der "Stern" gab mir die bekanntesten Pressefotos, zum Beispiel das Bild von Albert Einstein, der die Zunge herausstreckt; das von Marilyn Monroe auf dem Subway-Luftschacht; das von der Dicken aus der Fuji-Anzeige etc. Mir war klar, daß es nicht reichen konnte, die ohnehin bekannten Bilder wie in einer Fotoausstellung nebeneinander zu hängen.»

Da traf es sich gut, dass ein junger amerikanischer Künstler namens Joseph Kosuth bereits zwanzig Jahre früher einen Einfall mit der richtigen Passform hatte und so dem «Werbepapst»—vollkommen honorarfrei—aus der «Stern»-Bredouille geholfen werden konnte. In «One and Three Chairs» stellte Kosuth 1965 das Foto eines Stuhls, den tatsächlichen Stuhl und eine lexikalische Definition des Wortes "Stuhl" aus. Das Bild, die Realität, das Konzept—die «drei Seiten der Wahrnehmung eines Gegenstandes», wie er sagte.

Kurz darauf ging der spätere Professor in Hamburg (1988 bis 1990) und Stuttgart (1991 bis 1999) jedoch einen Schritt weiter und liess den Gegenstand und das Foto weg, denn er fand heraus, dass die Abstraktion auf das Konzept—die schriftliche Definition also—vollkommen ausreichte, um die Idee des Gegenstandes sichtbar zu machen. Seine grossen schwarzen Tafeln mit den lexikalischen Definitionen von Gegenständen machten Kosuth in der ganzen Welt berühmt—er wurde als «einer der bedeutendsten Experimentierkünstler der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts» und als «Vorbote und Hauptvertreter der Konzeptualkunst» (kunstwissen.de) gefeiert. Seine Werke hängen im Museum of Modern Art und im Guggenheim Museum in New York, in der Tate Gallery in London, im Stedelijk Museum in Amsterdam, in der Sammlung Ludwig in Köln etc.

Das kann dem Ehrenmitglied 2003 irgendwie nicht entgangen sein, denn in einem akuten Anfall von kreativer Tachyzerebralie befahl er seinen Auftraggebern, statt der Bilder nur noch die Bildbeschreibungen zu exponieren. Die «Stern»-Magaziner, noch immer traumatisiert vom Verlust des Rufs und einiger Millionen wg. Konrad Kujaus Schönschreibarbeit, waren entzückt, denn auf diese Weise blieben ihnen wenigstens die Kosten für die Bildrechte erspart.

     
  VORBILD: JOSEPH KOSUTH

  NACHAHMUNG: DAS EHRENMITGLIED  

«So entstand eine Fotoausstellung ohne Fotos. Auf grossen, schwarzen Tafeln konnten die Ausstellungsbesucher die Beschreibungen von 40 Fotos lesen [...]. Die Beschreibungen auf den Tafeln liessen die Bilder in den Köpfen der Ausstellungsbesucher entstehen» (das Ehrenmitglied in «Werbung ist Kunst»).

Um seiner Gebrauchtidee «konzeptuellen» Tiefgang—und den reziproken Honoraranspruch—zu verleihen, entliess das Ehrenmitglied folgende sinnschwangere Sprechblase: «Die Verbindung der semiotischen Methode mit der Methode der konkreten Poesie führte zu dieser radikalen Konzept-Kunst-Ausstellung, der ich den Titel gab "Bilder im Kopf".»

Noch schöner: Damit alle Spuren, die auf Joseph Kosuth hinführen könnten, verwischt werden, zündete das Ehrenmitglied eine besonders schlaue Nebelkerze: Es beschuldigte den relativ echten Künstler Hans Hollein, «meine Idee zwei Jahre später für die Documenta aufgegriffen» zu haben. Wodurch die von Joseph Kosuth geklaute Idee durch den Ideenklau des Hans Hollein zu einer vom Ehrenmitglied geklauten Idee wurde. QED. [→ WEITER]


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