DAS EHRENMITGLIED
Die Legenden des Ehrenmitglieds 2003 und ihre Beziehung zur Wirklichkeit .

Der geniale Legenden-Spinner

Nicht im Konzipieren, im Texten, im Art-Dirigieren oder etwa im Geschäftsführen lag und liegt das Genie des Ehrenmitglieds, sondern im Produzieren von Legenden über die eigenen Meriten. Laut Lexikon sind Legenden «eine verbreitete Behauptung, die nicht den Tatsachen entspricht». Da einige bereits in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gesponnen wurden, haftet ihnen heute ein Hauch von Wahrheit an.

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Die Basis all der Legenden, mit denen sich das Ehrenmitglied vom Ersatz-Rogosky zum «Werbepapst» hochordinierte, ist eine oft repetierte Saga, sozusagen die Ur-Legende:
«Angefangen hatte es 1974, als Paul Gredinger mir sagte, ich solle versuchen, GGK zur kreativen Nr. 1 zu machen.»

 
Nicht nur existierte GGK damals schon seit sechs Jahren in Deutschland, sondern lieferte mit Jägermeister («Ich trinke Jägermeister, weil...»), IBM (z.B. die legendären «Über Computer»-Anzeigen), Reemtsma (die Unikat-Kampagne «Mehr Erleben» für Peter Stuyvesant), Volkswagen (z.B. das «Der Käfer der Käfer»-Plakat), Swissair (die von Howard Gossage getexteten Kampagnen), CMA (die «Schöner Essen»-Kampagne), Burda (die «Bunte»-Filme), die Kampagnen für die Bundesregierung, Dr. Oetker, Ford, Henkel etc. ein kreatives Produkt, das die Immermannstrasse 6 in Düsseldorf lange vor dem Amtsantritt des Reklame-Pontifex zur heissesten Adresse der Branche machte. Auch waren sämtliche für GGK in kreativer und kommerzieller Hinsicht fundamentalen Kunden schon prä-Schirner im Haus, und die Kampagnen seiner Vorgänger wurden auch damals schon durchweg—und ziemlich üppig—vom ADC ausgezeichnet.

Schirners direkter Nachfolger als GGK-Geschäftsführer, Bertel Schmitt, dazu später: «Als Michael Schirner 1974 kam und Wolf D. Rogosky ging, da war GGK längst die kreative Nr. 1. Der Auftrag von Paul Gredinger an Schirner hiess schlicht: 'Nummer Eins in Deutschland.'» Es kann sich bei dem von Schirner rapportierten angeblichen Gredinger-Auftrag nur um die Fehlinterpretation eines in bündnerdütschem Dialekt [Hörprobe: → ]  enunzierten Ausspruchs durch den sächsisch disponierten auditorischen Cortex des Ehrenmitglieds handeln. Oder um dessen pathologische Hochstapelei.

Als kreativer Hotshop gefeiert wurden Gerstner, Gredinger & Kutter hierzulande ohnehin schon Jahre, bevor sie überhaupt eine Filiale in Deutschland hatten. Aus dem Basler Stammhaus kamen Kampagnen für VW, Audi, Lufthansa, Nestlé in die bundesdeutschen Medien, die sich durch ihre bizarren Einfälle (beispielsweise eine Audi-Anzeige ganz in lateinischer Sprache), ihre klugen Texte und ihre reduzierte «Schweizergrafik» spektakulär von der hausgemachten Reklame abhoben. Bill Bernbach wollte das Trio der Schweizerbuben aufkaufen, damit sie ihm eine deutsche DDB-Filiale für Volkswagen aufbauten. Dass nichts daraus wurde, lag am Gewinn des Ford-Etats, mit dem Karl Gerstner nach Deutschland abkommandiert wurde. (DDB Düsseldorf wurde übrigens von Helmut Schmitz gestartet, der dafür seine soeben geschlossene Partnerschaft mit einer Agentur namens...Gerstner, Gredinger, Kutter & Schmitz wieder auflösen musste.)

Historische Fussnote: Auch der ADC profitierte vom damaligen kreativen Höhenflug der GGK, denn ohne Wolf D. Rogoskys und Willy Fleckhaus’ erfolgreichen Wiederbelebungsversuch von 1972 wäre er mit Sicherheit eingegangen.

Aktuelle Fussnote: Im Brevier deutscher Echt-Persönlichkeiten und eitler Möchtegern-Prominenzen, dem "Who's Who", lobt das Ehrenmitglied sich selbst wie folgt: "Der deutsche Unternehmer [sic!] vollzog zunächst eine steile Karriere innerhalb der Werbeindustrie, ehe er als Professor für 'Visuelle und Verbale Kommunikation' internationale Annerkennung fand. Michael Schirner gilt als Vorreiter der reduzierten Werbung sowie der Plakatwerbung. Er hatte mit seinen Konzepten für Marken wie 'Pfanni', 'Post' oder 'Jägermeister' massgeblichen Einfluss auf die gesamte Werbekommunikation. Berühmt wurden Kampagnen etwa für Volkswagen und IBM ('SchreIBMaschine'). Dabei vertrat Prof. Schirner erstmals den Anspruch 'Kunst ist Werbung', wodurch er die 'Schule des Sehens' etablierte." So viele Unwahrheiten in so wenigen Sätzen! Die Richtigstellung folgt auf den Seiten, die jetzt kommen.

Seine Wahl verdankt das Ehrenmitglied 2003 grösstenteils jenen Legenden, die—auch dank einiger permanent im werbepäpstlichen Dickdarm residierenden Korrespondenten der Branchenpresse—viele in der Branche für bare Münze nehmen, obwohl es sich dabei um schieres Falschgeld handelt. Fangen wir hier also mit den Legenden an. Nach und nach werden neue hinzukommen, denn an Stoff mangelt es wahrhaftig nicht... [→ WEITER]

«...stiess die [Basler] Firma Gerstner, Gredinger + Kutter innerhalb von nicht einmal drei Jahren zur kleinen Elitegruppe der auftragsstarken und von grossen Unternehmen umworbenen Agenturen vor.»
DER SPIEGEL 1965.
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→ Die Legende «SchreIBMaschine»

→ Die Legende «Jägermeister»

→ Die Legende «Plakat-Renaissance»

→ Die Legende «Erfolgreicher GGK-Geschäftsführer»

→ Die Legende «Autor der These 'Werbung ist Kunst'»

→ Die Legende «Erster nackter Mann» ←NEU

→ Die Legende «Bilder im Kopf» ←NEU

→ Die Legende von der «unbefleckten Empfängnis» ←NEU

→ Zum Schlagabtausch Preiswerk/Neigenfind