DAS EHRENMITGLIED
Die kreative Zweitnutzung [04.01.04 13:26 | ZURÜCK]

Das Ehrenmitglied und der Ideenklau als Ruhmesquelle: Mit der kreativen Urheberschaft hat es das Ehrenmitglied schon immer nicht so genau genommen und gerne anderer Leute Ideen für die seinen ausgegeben. Das hatten einige nicht so gern und liessen dem ständig rückfälligen Ehrenmitglied diese Unsitte per Gerichtsurteil verbieten.

Offenbar scheint das Ehrenmitglied auch immer noch hartnäckig zu glauben, es sei der Medici der "Plakat-Renaissance" gewesen (waren aber Lürzer, Conrad bei TBWA mit ihren "Vademecum"-Plakaten), habe die These "Werbung ist Kunst" als Erster postuliert (hat Marshall McLuhan schon ein Jahrzehnt früher postuliert), sei der Erfinder des "Reduktionsprinzips" (hat Uwe Ortstein bei Y&R vorexerziert) und habe überhaupt alle Ideen der grossen GGK-Epoche gehabt (was viele seiner ehemaligen Kollegen mit Verlaub bestreiten).

Der Fall "schreIBMaschine".

Auf einen Einfall ist das Ehrenmitglied ganz besonders stolz. Seit Jahrzehnten wird "SchreIBMaschinen" als Beweis seiner kreativen Potenz zitiert. Wie es dazu kam, schilderte das Ehrenmitglied in einem Interview mit FAZ-NET folgendermassen:

"Wie viele gute Ideen entstand alles aus einem Zufall heraus. Wir sassen im Meeting, um Ideen für die Kampagne zu sammeln. Ich kritzelte auf ein Blatt das Wort 'Schreibmaschine', und die Buchstaben verrutschten ein wenig, da ich eine sehr unleserliche Schrift habe. Plötzlich stand da ein grosses I im Wort. Daraus wurde dann 'SchreIBMaschine' geboren."

Nun ist das wahrlich ein exzellenter Einfall. Aber eine minable Geschichte, die das Ehrenmitglied da verzapft. Denn eben dieser Einfall war nicht seine. Sondern die eines unbekannten Schreibmaschinen-Verkäufers, dessen Trouvaille lange vor dem GGK-Plakat zur IBM-Folklore gehörte. Wer in den 70er Jahren eine IBM-Schreibmaschine kaufte (und auf den Kopf gestellte Texte zu lesen vermochte), konnte "schreIBMaschine" auf dem Bestellordner gedruckt sehen, den der IBM-Verkäufer vor sich auf den Tisch gelegt hatte. Und wer damals auf Stellungssuche war, stolperte möglicherweise über die Personalanzeige der IBM-Textverarbeitung, in der dieser typographische Gag erstmals veröffentlicht wurde -- lange bevor das Ehrenmitglied seine kreativen Wehen hatte.

Weitere Beispiele gefällig?

Spiesser Alfons nahm sich das Buch "Werbung ist Kunst" vor, in dem das Ehrenmitglied seine viagrale Kreativpotenz einigermassen schamlos abfeiert (schon der Pseudo-Warhol-Titel macht, dass sich einem die Zehen hochbiegen). Die zahlreichen mitarbeitenden Kollegen sind zwar "gönnerhaft am Rande" erwähnt, werden aber laut Spiesser Alfons sonst ganz schön zum besten gehalten:

* Zum Beispiel Beat Nägeli und Reinhold Scheer: Sie sind die Urheber der berühmten 'Conti'-Plakate [...], mit denen Schirner sein Opus eröffnet. Und an dieser profilierten Kampagne hat Schirner genauso viel mitgearbeitet wie an der Ouvertüre zu 'Figaros Hochzeit'.

* Ebenso an der Zucker-Kampagne [...]. Die stammt vielmehr von Gerd Hiepler und Diethardt Nagel. Süsser noch: Wenn Spiesser Alfons sich recht erinnert, dann hatte Schirner anno damals ernste Bedenken, diese Kampagne dem Kunden überhaupt zu präsentieren, weil sie dem GGK-CD ganz und gar nicht gefallen hat [...].

* Dann die (fiktive) NRW-Kampagne [...]: 11 Jahre zuvor war die gleiche Kampagne von GGK konzipiert und getextet worden für die Bundesregierung. Von Gerd Hiepler und Michael Schirner. Schirners Kunstgriff: Er tauschte den Namen "Helmut" (Kohl) aus gegen "Johannes" (Rau) und präsentierte "seine" Kampagne dann öffentlich im Fernsehen.

* Oder die 'Enzyklopädie des Schweppens' [...]: Wie Spiesser Alfons bereits in seiner 500. Folge gegenübergestellt hat, sind die Schweppes-Anzeigen ein Plagiat der englischen 'After-Eight'-Kampagne [...].

* Ebenfalls aus Kupfer gefertigt ist die 'Ruhrgas'-Kampagne [...]. Die kreative Bauanleitung hierzu lieferte DDB in den USA, und zwar für General Telephon & Electronics.

* Auch die Aktion für die 'Bürgerinitiative Kunst' [...] ist fehl am Platze. Diese Plakate kreierten Franz Brauer und Michael Preiswerk, als reine Freizeitgestaltung. Mitgewirkt hat Michael Schirner nur in seinem Buch, wo er von 'wir' schreibt...

Doch, so Spiesser Alfons weiter: "Wenn Meister Schirner in seinem Buch auch von "wir" schreibt, so kann der nicht eingeweihte Leser hieraus nur den Pluralis majestatis ablesen. Notabene: Neben König Schirner stehen alle übrigen Bediensteten der Agentur da wie kreative Zimmerkellner, Handlanger an des Königs Hof."

Es dürfte also niemanden überraschen, dass das Ehrenmitglied das erste und bis heute wohl auch einzige ADC-Mitglied ist, dem gerichtlich untersagt wurde, sich mit den Federn anderer Kreativer zu schmücken. Die 24. Zivilkammer des Landgerichts Hamburg (AZ: 740544/88) urteilte 1988:

"Herrn Schirner wird verboten, den Eindruck zu erwecken oder erwecken zu lassen, er habe (an der 'Conti'-Kampagne) in irgendeiner Weise kreativ, schöpferisch mitgearbeitet."

Trotzdem kann es das Ehrenmitglied nicht lassen: Nach wie vor erweckt oder lässt es weiterhin den Eindruck erwecken, es habe die legendäre "Jägermeister"-Kampagne ("Ich trinke Jägermeister, weil...") erfunden. Wie es das vollbracht haben soll, ist unklar, denn als die Kampagne (von Wolf Rogosky und Heinz-Theophil Butz) entwickelt wurde, lag seine "Berufung" zur GGK noch ein paar Jahre in der Zukunft.

[Nachschrift: Der Jägermeister-Boss Günter Mast empörte sich in inem NEW BUSINESS Interview darüber, dass Schirner so oft im Zusammenhang mit der Kampagne genannt werde. Mast: "Ich kenne diesen Herrn nicht!"

Verfasst von Rulfer am 04.01.04 13:26