Das Ehrenmitglied und sein Beitrag zum Berliner Olympia-Debakel: Das Ehrenmitglied war bekanntlich einer der Rädelsführer, die mit kreativem Unfug die Berliner Olympia-Bewerbung 2000 erfolgreich in Misskredit brachten.
Die beiden anderen waren das ADC-Ehrenmitglied Wolf Rogosky und der ADC-Kunde des Jahres Lutz Grüttke. Nach Grüttkes Rausschmiss kam heraus, dass die Entschädigung von knapp 4 Millionen Mark (für ganze 10 Monate Arbeit!) für den vorzeitig aufgelösten Vertrag nur ein Bruchteil des Reibachs war, den das Ehrenmitglied und seine Hintermänner hätten abzocken können, wenn dieser Vertrag weitergelaufen wäre. Denn, so mehrere Rechtsgutachten, der "sittenwidrige Knebel-Vertrag" hätte es ermöglicht, die Olympia GmbH regelrecht "auszuplündern".
Wer aber meinte, die Berliner Blamage hätte das Ehrenmitglied ein für alle Mal aus dem deutschen Werbegeschehen entfernt, sah sich getäuscht und musste mit Staunen miterleben, wie es zusammen mit seinem notorischen Auftragsbeschaffer Grüttke noch jahrelang profitlich weitermachen durfte: Vebacom, Otelo, Bewag, LBBW Landesbank...
1997 rutschte das Manager-Magazin auf einer Schleimspur aus, die von den beiden Olympia-Spezis Lutz Grüttke und Michael Schirner gelegt wurde. In einem Artikel über Otelo, die einstige Telekommunikationsfirma, las man Erstaunliches:
"Der renommierte Düsseldorfer Werbemann Michael Schirner (56), der zusammen mit der Agentur Grey eine eigene Tochterfirma für den Otelo-Etat gegründet hat, weiss nicht mehr, wie er was bewerben soll. [...] In Branchenkreisen wird gemutmasst, dass Schirner entnervt nach einem neuen Grosskunden in der Telekommunikationsszene Ausschau hält. Für [Otelo-Boss, Anm.] Bohla wäre das ein Imageverlust. Denn mit seinem Kommunikationschef Lutz Grüttke (55) und dem Kreativen Schirner holte er sich zwei alte Weggefährten aus IBM-Zeiten ins Haus. Beide zählen zu den Topleuten in der Kommunikationsbranche."
Einige Leute in den zitierten "Branchenkreisen" würden die Sache eher so einschätzen, dass Herr Bohla gottfroh sein müsste, wenn er Schirner los würde und mit ihm auch gleich noch seinen Kommunikationschef Grüttke. Denn gerade diese beiden Herren waren für eine Reihe von teuren "Werbepannen" bei Otelo verantwortlich, über die man im SPIEGEL Nr. 14/1997 lesen konnte:
"Der geplante Werbefeldzug, mit dem die neue Telefongesellschaft Otelo den Wettbewerb gegen die Telekom kräftig anheizen wollte, gerät ins Stocken. Der Grund: Die Telefontochter der beiden Stromversorger RWE und Veba hat die gigantische Werbekampagne (geplante Ausgaben: rund 100 Millionen Mark in diesem Jahr) schlecht vorbereitet. Vorige Woche stellten die Otelo-Manager fest, dass der vorgesehene Slogan "Was können wir für Sie tun?" schon besetzt ist, pikanterweise von der RWE-Tankstellenkette DEA. Auch der ausgesuchte 'Otelo-Song', der per CD unters Volk gebracht werden sollte, macht Otelo-Chef Ulf Bohla nun Kopfzerbrechen. Für eine Freigabe, so liess ihn die Werbeagentur vergangene Woche wissen, müsse die Telefongesellschaft mehrere Millionen Mark für die Lizenzrechte zahlen."
Mehr noch: In mehrseitigen Anzeigen wurde eine 0130-Nummer veröffentlicht, bei der sich keiner meldete. Auch beim Firmennamen hat man daneben gegriffen: "o.tel.o" lässt sich wegen der kommunikationstechnisch (und auch sonst) schwachsinnigen Punkte im Internet nicht einsetzen (man muss "www.o-tel-o.de" mit Bindestrichen oder "www.othelo.de" mit "th" eingeben). Und auch in den Medien sind die Pünktchen verschwunden (die Firma wird hier meist "Otelo" geschrieben). Kommunikations- und Markentechnik vom Feinsten...
Das Otelotria ist nicht der erste "Paarlauf mit Pannnen" (Werben & Verkaufen am 4. April 1997) der beiden "Topleute in der Kommunikationsbranche". Sie spielten bekanntlich die tragenden Rollen im Trauerspiel der Berliner Olympia-Bewerbung und wurden deshalb in der Hauptstadt-Presse, aber auch in FAZ, SZ, SPIEGEL, FR, in Rundfunk und Fernsehen als Stümper oder als Gauner (wenn auch nicht in diesen Worten) abgefeiert. Schirner zockte beim Senat schlappe 3,8 Millionen Mark als Abfindung dafür ab, dass er auf das volle, von Grüttke in einem grotesken Agenturvertrag zugestandene Honorar von 13 Millionen Mark "verzichtete". Was sogar die Schirner eher freundlich gesonnene TAZ (der selbsternannte "Werbepapst" kreierte ab und zu kostengünstig eine Werbekampagne für das Blatt) ihren Lesern nicht verschweigen konnte (Ausgabe vom 20. Oktober 1995):
"Der Senat hat 1991 insgesamt 3,8 Millionen Mark bezahlt, um einen Vertrag zwischen der Olympia GmbH mit ihrem damaligen Chef Lutz Grüttke und der Düsseldorfer Werbeagentur Michael Schirner vorzeitig zu lösen. [...] Der damalige Olympiamanager Lutz Grüttke hatte 1991 den Marketingvertrag mit Schirner geschlossen. Nach Grüttkes Entlassung wurde der Kontrakt gekündigt, weil es sich dabei um eine Art 'In-Sich-Geschäft' gehandelt haben soll."
Zwei Rechtsexperten stellten denn auch fest, dass der Schirner-Vertrag "erkennbar sittenwidrig und sein Abschluss strafrechtlich relevant gewesen sei", weil damit die Olympia GmbH "zugunsten der Agentur ausgeplündert" werden sollte.
Die wirklich interessante Frage aber, ob nämlich Grüttke selbst an der Schirner-Agentur beteiligt war und mitkassierte, konnte weder vom Olympia-Untersuchungsausschuss noch vom nur sehr zögerlich eingeschalteten Staatsanwalt aufgeklärt werden. Aus Schirner war erstaunlicherweise nicht herauszukriegen, wem die Hälfte seiner Firma gehörte. Zitat aus einem Schreiben der Anwälte der Olympia GmbH an Schirner:
"Bevor Herr Grüttke als Geschäftsführer unserer Mandantin tätig war, war er Geschäftsführer der GGK Düsseldorf. Sie [Schirner, Anm.] haben bislang trotz entsprechender Aufforderung nicht widerlegt, dass die GGK Düsseldorf von Anfang an Gesellschafterin Ihres Unternehmens war. Bislang besteht der unwiderlegte Verdacht, dass die Geschäftsanteile (zur Verdeckung dieses Sachverhalts?) treuhänderisch von der Sofinacor [Treuhandfirma in Glarus/CH, Anm.] gehalten werden. Ebensowenig wurde der Verdacht widerlegt, dass Herr Grüttke persönlich Aktien an der Sofinacor hält, er mit anderen Worten auf diesem Wege zu den Eigentümern Ihrer GmbH gehört. [...] Der Verdacht wird zur Gewissheit, wenn man einen Blick auf das konkrete Vertragswerk wirft, das eine geradezu unfassbare einseitige Benachteiligung unserer Mandantin in allen dort geregelten Punkten darstellt. [...] Ein solcher einseitig Ihre Interessen regelnder, für meine Mandantin unakzeptabler Vertrag ist nur dadurch zu erklären, dass Herr Grüttke nicht die Interessen der Gesellschaft, sondern seine eigenen Interessen im Auge hatte, die wiederum die unmittelbaren Interessen Ihres Hauses sind."
Aus den Handelsregisterakten der Schirner-Agentur kann man entnehmen, dass der über den schweizerischen Treuhänder Sofinacor an der Schirner-Agentur gehaltene 50-prozentige GGK-Anteil eiligst und unter nebulösen Umständen den Besitzer wechselte. Und die für den Besitzerwechsel notwendige GGK-Vollmacht wurde von wem unterzeichnet? Von Lutz Grüttke, der zu diesem Zeitpunkt immer noch Geschäftsführer der Düsseldorfer Agentur war.
Der Eilbedarf kam daher, dass in Grüttkes Arbeitsvertrag mit der Berliner Olympia GmbH die Aufnahme von Geschäftsbeziehungen mit GGK oder ihr verbundenen Dritten ausdrücklich verboten war. Erst an dem Tag, an dem GGK aus der Schirner-Agentur offiziell ausgeschieden war, setzte Grüttke den Schirner-Vertrag in Kraft. Unterschrieben war das Schriftstück laut Untersuchungsausschuss zu diesem Zeitpunkt allerdings schon längst, nur das Datum war ausgelassen. Der Staatsanwalt, der das wohl ermittelt hatte, fand an dieser offensichtlichen Urkundenfälschung erstaunlicherweise nichts auszusetzen.
Der Aufsichtsratsvorsitzende Diepgen sagte später vor den Prüfern des Landesrechnungshofs aus, Grüttke habe ihm gegenüber die Existenz eines schriftlichen Vertrags mit der Agentur Schirner "zunächst in Abrede gestellt", aufgrund von Hinweisen Dritter habe er Grüttke dann "ultimativ" aufgefordert, den Vertrag endlich vorzulegen. Die Farce dauerte vier Wochen. Entsetzt las Diepgen, dass sein Olympia-Manager Grüttke dem Olympia-Werber Schirner neben einer knappen halben Million Mark für die Präsentation und einem über drei Jahre laufenden Jahreshonorar von 2,2 Millionen Mark auch noch 10 Prozent der auf 60 Millionen Mark veranschlagten Sponsoreneinnahmen zugesichert hatten: zusammen die Kleinigkeit von etwa 13 Millionen Mark.
Um diesen in der deutschen Werbegeschichte einmaligen Jackpot so profitabel wie möglich einsacken zu können, entwickelten die Beteiligten eine erstaunliche fiskalische Kreativität. Wie sich später herausstellen sollte, wurde nämlich damals bei der Schirnerschen Firma nicht nur der Gesellschafter GGK ausgewechselt, sondern die ganze Firma runderneuert. Die Düsseldorfer Werbeagentur wurde liquidiert, aber erst, nachdem ihre Aktiva – sprich: der Millionen-Deal mit der Olympia-GmbH – in die Münchner Filiale eines österreichischen Verlags namens "Wiener Verlags GmbH" eingebracht worden waren. Wieso das?
Die deutsche Ausgabe des in seinem Heimatland sehr erfolgreichen Lifestyle-Magazins "Wiener" war einige Zeit zuvor mit tiefroten Zahlen eingestellt worden. Der im Übrigen vollkommen legale Trick der "Verschmelzung" von Schirner-Agentur und "Wiener"-Verlag bestand darin, dass nun die Millionenverluste des verblichenen Blattes gegen die aus Berlin eingehenden Millionenhonorare aufgerechnet werden konnten. Somit durfte die "neue", umgehend in "Michael Schirner Werbe- und Projektagentur GmbH" umgetaufte, einstige Verlagsfirma die immensen Gewinne aus dem Olympia-Geschäft quasi steuerfrei am Fiskus vorbei schleusen. Das alles lief natürlich klammheimlich und hinter dem Rücken der Berliner ab, denn formell hätte die Olympia GmbH den Vertrag mit der neuen Firma nochmals neu abschliessen müssen. Auch bestand Gefahr, dass der Regierende Bürgermeister inzwischen womöglich aus dem Musstopf gekommen wäre und den Vertrag gekippt hätte (was auf Grund der Äderungen beim Vertragspartner tatsächlich kostenfrei möglich gewesen war). So wurde das Geschäft ohne Wissen des Kunden einfach von einer neuen Firma mit dem alten Namen übernommen.
Möglich wurde das steuerlich so ausserordentlich attraktive Manöver, weil der "Wiener"-Verleger Hans Schmid auf die Verlustabschreibungen verzichtete und sie Schirner abtrat. Die Frage nach dem Warum ist schnell beantwortet: Schmid war damals auch Haupteigner der grössten und erfolgreichsten Werbeagentur im Nachbarland, der GGK Wien. Damit aber bekommt die "Verschmelzung" der Schirner-Agentur mit Schmids "Wiener"-Dependance einen ganz neuen Dreh. Denn Schmids grosszügiger Verzicht, der Schirners Firma immerhin Steuern in Millionenhöhe sparen half, kann auch ein Freundschaftsdienst am GGK-Gründer Paul Gredinger gewesen sein. Es ist durchaus denkbar (und Schmid hoch anzurechnen), dass er den Freund nicht im Regen stehen lassen wollte, als dessen Agenturen-Imperium am Abmeiern war. Schirner, so darf man vermuten, war also nicht der alleinige Nutzniesser dieses Steuertricks, sondern wohl auch Paul Gredinger.
Man kann sich einfach des Eindrucks nicht erwehren, dass der von den Treuhändern verwaltete Anteil an der Schirner-Agentur damals in der Tat direkt auf Gredinger persölich übertragen wurde, und dass womöglich auch Rogosky und Grüttke mit von der Sofinacor-Partie waren. Das ist jedoch eine reine Spekulation, denn bei den Treuhändern in der Schweiz beisst man auf soliden Glarner Granit. Auch wenn die Wahrheit wohl nie herauskommen wird, gibt es dennoch ein paar Punkte, die zu Denken geben. Erstens war Wolf D. Rogosky ja der eigentliche Spielmacher dieses olympischen Millionenspiels, was jedoch wegen des "Verdachts der Kungelei" auf keinen Fall publik werden durfte (so der SPIEGEL damals). Zweitens wäre es ohne Wissen und Duldung Lutz Grüttkes unmöglich gewesen, diese Charade zu spielen und sich dabei so hemdsärmelig über alle Vorschriften und Gepflogenheiten bei öffentlichen Aufträgen hinwegzusetzen. Ob diese beiden Herrschaften allerdings so völlig selbst- und tatenlos mit angesehen haben, wie Schirner und Gredinger sich die Berliner Millionen fifty-fifty teilen, darf man bezweifeln, ohne deshalb in Gewissensnot zu geraten.
Die Olympia GmbH hätte diesem "Knebelvertrag" (so eines der zahlreichen Rechtsgutachten) aber auch ohne Kenntnis dieser halbseidenen Machenschaften praktisch zum Nulltarif herauskommen können. Man hätte die Zahlung nur davon abhängig zu machen brauchen, dass Schirner seine Hintermänner offenlegt. Darauf kam der Regierende Bürgermeister nicht - oder wollte nicht darauf kommen. Auch dem Staatsanwalt genügte Grüttkes eidesstattliche Erklärung, nicht an Schirners Firma beteiligt gewesen zu sein, um das Ermittlungsverfahren einzustellen. Der Senat zog es vor, zu löhnen. Und zwar so diskret, dass die jahrelang dementierte Abfindungszahlung erst 1995 aufgedeckt wurde.
Klammer auf: Was verbindet Schirner und Grüttke so intim? Grüttke war als IBM-Kommunikationschef viele Jahre lang der lukrativste Kunde von GGK und Schirner bis Mitte der 80er Jahre deren Geschäftsführer. Mitte 1989 stellte sich Grüttke für alle unerwartet - vor allem für den ahnungslosen damaligen GGK-Chef Peter Erzberger - als neuer CEO der GGK-Gruppe vor. Er musste damals zwei Dinge wissen: Dass GGK faktisch pleite war - auch als Spätfolge von Schirners desaströser Geschäftsführung - und dass IBM aus geschäftshygienischen Gründen bei nächster Gelegenheit abspringen würde. Was dann auch prompt passierte.
Warum Grüttke seinen Posten als Generalbevollmächtigter der grossen IBM Deutschland gegen den eines "CEO" bei der mächtig in Schieflage geratenen GGK eintauschte, ist eine interessante, wenn auch noch immer nicht schlüssig beantwortete Frage. Die GGK-Gruppe jedenfalls wurde 1990 unter dem Druck der Banken notverkauft und Grüttke sang- und klanglos abgesägt. So kam für ihn der Olympia-Job gerade recht(zeitig). Klammer zu.
Hinter der wundersamen Glättung der Wogen im Berliner Olympia-Skandal darf man Matthias Kleinert vermuten, der Grüttke laut "Manager-Magazin" einst für den Berliner Posten vorgeschlagen hatte. Das Image des Hauptsponsors der Olympia-Bewerbung, der [damaligen, Anm.] Daimler-Benz AG, lief nämlich Gefahr, durch den sich rapide ausbreitenden Sumpf beschmutzt zu werden. Ein Strafverfahren gegen den geschassten Olympia-Geschäftsführer hätte dem Daimler-Generalbevollmächtigten kaum in den Kram gepasst. Ordentliche Richter hätten sich von Grüttke (und anderen Zeugen) wohl nicht so unverschämt an der Nase herumführen lassen wie die Mitglieder des Untersuchungsausschusses, von denen sich im übrigen nur die von FDP, PDS und Bündnis 90/Grüne entsandten Abgeordneten an einer Aufklärung wirklich interessiert zeigten. Die Koalitionsparteien CDU und SPD wollten die Chose lieber unter den Teppich kehren, weil sie fürchteten, dass die Sponsoren reihenweise abspringen und die ohnehin sieche Bewerbung durch das Waschen schmutziger Wäsche vor Gericht vollends abnibbeln würde. (Entsprechend libertinär ging es denn auch unter Grüttkes Nachfolgern weiter.) Kleinert wollte den fristlos gefeuerten Freund damals jedenfalls nicht so ohne weiteres fallen lassen, wie aus einem in den Akten des Untersuchungsausschusses abgelegten Entwurf einer Presseerklärung der Olympia GmbH hervorgeht:
"Wie der Regierende Bürgermeister heute mitteilte, hat sich Herr Matthias Kleinert, Generalbevollmächtigter der Daimler-Benz AG, zur Beendigung der Streitigkeiten zwischen Herrn Grüttke und der Olympia GmbH bereit erklärt, ein wirtschaftliches Arrangement mit Herrn Grüttke zu treffen."
Doch dieses Arrangement wurde ebenso wenig in die Tat umsetzt wie die ebenfalls im Entwurf vorliegende Absicht des Senats, Grüttke mal mit 100.000 Mark, mal mit 50.000 Mark zu "entschädigen". Tatsache ist, dass Grüttke sofort nach seiner Entlassung sowohl für den Stromversorger BEWAG (Mehrheitsaktionär: Land Berlin) als auch für den Stuttgarter Daimler-Konzern tätig wurde und auch weiterhin beste Beziehungen zu Kleinert und zur Berliner Politik unterhielt. So haben beispielsweise Kleinert, Grüttke und der [damalige, Anm.] Senator Volker Hassemer einen "Freundeskreis Stiftung Neues Tempodrom Berlin" (geplante Baukosten: 30 Millionen Mark) gegründet (Tagesspiegel vom 12. Juni 1997). Und das kaum anderthalb Jahre, nachdem der Skandal in den Medien nochmals hochkgekocht wurde und beispielsweise der Tagesspiegel am 25. Oktober 1995 unter der Schlagzeile "Nur grober Unfug" schrieb:
"Auf Geheiss von Willi Daume, damals noch die grosse deutsche Olympia-Autorität, kam mit Lutz Grüttke der erste Geschäftsführer der Gesellschaft in die Stadt. Ein weltgewandter Manager, gewiefter Marketingmann, glatt und souverän im Auftreten. [...] Doch Grüttke kam nicht allein. Im Schlepptau hatte er den Düsseldorfer Edel-Kreativen Michael Schirner. Der sollte die ganze Werbung machen, die Bewerbung vermarkten und wohl auch kräftig abkassieren. Das gelbe Bärchen erblickte unter Protesten (Daume war entsetzt) das Licht der Welt. Grüttke überzog seinen Etat um 1,7 Millionen Mark, die Senatskanzlei stopfte das Loch. [...] Ausserdem wurde langsam klar, dass Grüttke dem Werbemann Schirner auf Jahre astronomische Provisionen und Verwertungsrechte zugesichert hatte. Allein für die zehnmonatige Zusammenarbeit kassierte die Agentur 3,8 Millionen Mark."
Dieses Aufwärmen des Berlin-Skandals setzte dem profitlichen Wirken der beiden Olympionieten jedoch keineswegs ein Ende. Werben & Verkaufen meldete am 6. Dezember 1996:
"Ein alter Bekannter der Marketing und Werbeszene steht vor einem Comeback ins Kommunikationsgeschäft. Lutz Grüttke, früherer IBM-Mann, Chef der Werbeagentur GGK und als Verantwortlicher der missglückten Olympia-Bewerbung Berlins unter dubiosen Umständen vorzeitig aus dem Amt geschieden, ist als neuer Kommunikationschef der Vebacom im Gespräch. Grüttke berät Vebacom-Chef Ulf Bohla bereits seit einiger Zeit, übt aber keine offizielle Funktion aus."Nun schloss sich ein Kreis, denn schon lange bevor er als neuer Vebacom-Kommunikationschef bestellt wurde, hatte Lutz Grüttke einen alten Freund mit der Betreuung des zweistelligen Millionenetats ins lukrative Geschäft gebracht: Michael Schirner.
Nicht einmal die spätere Fusion der Telekommunikationsfirmen von VEBA und RWE und die daraufhin veranstaltete Wettbewerbspräsentation konnte Grüttkes und Schirners "muntere Seilschaft" (SPIEGEL Nr. 38/1991) auseinanderbringen: Die mit RWE über die Werbung für E-plus verbundene Werbeagentur Grey und Vebacom-Betreuer Schirner wurden vom Kunden ermuntert, für den Otelo-Etat eine gemeinsame Tochterfirma zu gründen. Ein Manöver, das sicherstellte, dass Otelos Millionen nicht ausser Kontrolle gerieten. Von Schirner & Grey war dann fünf Monate nichts zu hören und nichts zu sehen. Bis die Otelo-Presseabteilung die Werbebranche am 2. September dieses Jahres mit folgender Nachricht überraschte:
"o.tel.o, die Telekommunikationstochter von RWE und VEBA, wird mit einer breiten Kommunikationskampagne verstärkt um Kunden werben. Dafür wurden jetzt die Partner festgelegt. Die Werbekampagne wird in wesentlichen Teilen von av, Agentur für Kommunikation (Stuttgart, Paris, Berlin, Düsseldorf), durchgeführt. Kreativ-Chef Hans-Peter Weiss hat die Idee entwickelt und wird sie nun umsetzen. Er hat bereits erfolgreiche Kampagnen für eine Reihe von Markenartikelunternehmen durchgeführt. Die Michael Schirner Werbe- und Projektagentur, Düsseldorf, betreut für o.tel.o weiterhin Unternehmens- und Produktliteratur, die Verkaufsförderung sowie Below-the-Line-Aktivitäten."
Der millionenschwere Etat für Unternehmens- und Produktliteratur sowie Verkaufsförderung wurde also an Schirners "persönliche" Agentur vergeben, die 50 Millionen Mark für die Publikumswerbung hingegen gingen an eine obskure Videoproduktions- und Multimediafirma aus Stuttgart, die zwar "AV" heisst, sich aber in den 16 Jahren ihrer Existenz weder in der Werbeszene noch mit irgendwelchen Werbekampagnen einen Namen machen konnte. Das wirft natürlich die Frage auf, weshalb ausgerechnet AV (deren Düsseldorfer Niederlassung ursprünglich im Haus der Werbeetat-Maklerin und Grüttke-Intima Ute Hirschbiegel residierte) das grosse Otelo-Los (Jahreshonorar: plusminus 7,5 Millionen Mark) gezogen hat. Bei der Beantwortung könnten vielleicht die folgenden Tatsachen behilflich sein:
- Der Otelo-Kommunikationsdirektor Grüttke war nach seinem Berliner Rausschmiss eine Zeitlang Geschäftsführer eben dieser AV [Quelle: Handelsregister Stuttgart] und stand bei dieser Firma auch nach seiner hastigen Streichung aus dem Handelsregister weiterhin in stattlichem Sold.
- Auf der aktuellen AV-Kundenliste standen mit Vebacom, BEWAG, IBM, Daimler-Benz und Otelo lauter Firmen, denen Grüttke auch nach seinem Berliner Waterloo noch mit Werbe-Rat und -Tat zur Seite stehen durfte.
- Grüttke stand offenbar beim Leiter der Düsseldorfer AV-Niederlassung, dem GGK-Oldie Hans-Peter Weiss, privat in der Kreide [Quelle: Aussage Weiss vor Ohrenzeugen in Zürich]. Weiss ist übrigens der Entwerfer des anstössigen Punkt-Komma-Strich-Bärchens für die Olympia-Bewerbung. Er behauptete wiederholt, Grüttke und Schirner hätten ihn um den Lohn dafür geprellt (Weiss über Schirner: "Die fahle Ratte").
Hier hätte diese Geschichte eigentlich ein (vorläufiges) Ende gehabt. Aber dann meldete "Werben & Verkaufen" am 27. Oktober 1997 folgendes:
"Für die Vebacom/RWE-Telekommunikationstochter Otelo wird die Agentur Arbeitsgemeinschaft von AV und KNSK/BBDO den Sprung in den deregulierten Telekommunikationsmarkt vorbereiten. AV hat für Otelo in Düsseldorf bereits eine Niederlassung eröffnet und wird die Bereiche Events, Messe und Multimedia betreuen. [...] Nachdem AV erst im September den 70 Millionen-Etat von Otelo erhalten hat, müssen sich nun die Agenturen den Etat teilen. Otelo wollte dazu keine Stellung nehmen."
[Nachschrift: Vom Ehrenmitglied hat man in Zusammenhang mit Otelo nichts mehr gehört. Von Otelo dann bald auch nichts mehr.]
Verfasst von Rulfer am 04.01.04 13:25